Ein Blick über den Tellerrand des deutschen Bildungssystems: Vom Waldhof an die UCUNN

UCONN, was verbirgt sich denn dahinter? Die University of Conneticut! Sie ist mit ihrer renommierten Pädagogik-Fakultät, der Neag School of Education, in den Neuengland-Staaten der USA eine der besten Universitäten für Lehrerausbildung. Mittels eines Fulbright-Stipendiums war es einer unserer Kolleginnen, Frau Anja Sturhahn, möglich dort in den Osterferien 14 Tage lang an dem Weiterbildungsprogramm „Diversity in US Education“ teilzunehmen.

Frau Sturhahn mit dem Maskottchen der UCONN, dem Husky Jonathan. Maskottchen sind an Schulen und Universitäten zur Identifikationsstifung üblich.

Schulbuch aus dem 3. Reich mit Nazi-Propagande aus dem Archiv der UCONN

Frau Sturhahn besuchte verschiedenste Schulen, hier ein Schulbus.

Um die Schüler zu motivieren, hängen überall in amerikanischen Schulen Motivationsschilder.

Originalfotos der Nürnberger Prozesse aus dem Archiv der UCONN

Die elitäre deutsch-amerikanische Fulbright Kommission fördert bilateralen akademischen Austausch zwischen den USA und Deutschland. Sie wurde 1947 nach dem 2.Weltkrieg von dem US-Senator J. William Fulbright aus Gründen des intellektuellen Austauschs zur Friedenssicherung ins Leben gerufen. In diesem Kontext ist auch das Lehrer-Austauschprogramm „Diversity in US Education“ zu verstehen, das dieses Jahr 15 Lehrerinnen aus ganz Deutschland die Möglichkeit eröffnet hat, sich in den Themen „Migration und Schule“ weiterbilden zu lassen. Dies geschah an der UCONN in Form von Seminaren und Workshops und an verschiedensten amerikanischen Schulen durch Hospitation und Gesprächen mit Lehrer/innen und Schüler/innen. Die USA als klassisches Einwanderungsland verfügen im Bildungssektor über jahrhundertelange Erfahrung der Einbindung von Schüler/innen mit Migrationshintergrund in ihr Schulsystem. Frau Sturhahn erfuhr, dass es allen Schulen, die sie besuchte, besonders wichtig war, die Neuankömmlinge herzlich willkommen zu heißen. Die schulischen Institutionen beschulen grundsätzlich auch Schüler/innen ohne legalen Aufenthaltsstatus, da dieser von schulischer Seite aus überhaupt nicht überprüft werden muss. Da die Schulen über eine schuleigene Krankenschwester verfügen, kommen auch illegale Schüler/innen wenn nötig über diese in den Genuss medizinischer Versorgung. Dies kann bis zu komplexen Operationen gehen, die dann natürlich nicht von der Krankenschwester selbst durchgeführt werden. Vielmehr leitet sie die Schüler/innen auf Grund ihres Schüler/innen-Status weiter an entsprechende Krankenhäuser, in denen sie dann medizinisch versorgt werden können.

 

Häufig bedürfen die Neuankömmlinge auch psychologischer Unterstützung, da besonders eine illegale Einreise in die USA mit vielen traumatischen Erfahrungen für die Kinder und Jugendlichen verbunden ist. Auch diese Behandlung kann die Krankenschwester vermitteln. Viele der Jugendlichen sind allein eingereist, sei es dass ihre Eltern schon länger in den USA leben, oder dass Familien ihren ältesten Sohn in die USA schicken, damit er für ein Familieneinkommen sorgt. Eine illegale Einreise in die USA ist jedoch in der Regel nicht ohne die Mithilfe eines Schleppers möglich, in den USA bezeichnender Weise „Coyote“ genannt. Da man trotz eines Coyoten an der Grenze aufgegriffen und verhaftet werden kann, zieht die illegale Einreise häufig auch ein teures Gerichtsverfahren unklaren Ausgangs nach sich. Da die Jugendlichen die Kosten für Schlepper und Gerichtsverfahren häufig selbst zurückzahlen müssen, besuchen sie die Schule oft nicht regelmäßig, um stattdessen Geld zu verdienen. Dies erschwert natürlich die Bemühungen von schulischer Seite, den Kindern und Jugendlichen zunächst einmal grundlegende Englisch-Kenntnisse zu vermitteln. Dies geschieht in sogenannten „Welcome-Classes“, zu denen die Neuankömmlinge bereits den Regelunterricht in einigen Fächern besuchen, um sie baldmöglichst in die Schule allgemein zu integrieren. Besonders wichtig ist es den amerikanischen Schulen, den Schüler/innen im Allgemeinen und insbesondere den Schüler/innen mit Migrationshintergrund einen Schulabschluss zu ermöglichen. Als Frau Sturhahn die neuangekommen Schüler/innen befragte, was ihre Ziele in den USA wären, sagten diese von sich aus, dass ein Highschool-Abschluss für sie die Basis eines erfolgreichen weiteren Lebens in den USA wäre. Sie sind sich offensichtlich sehr bewusst, dass die Erfüllung ihres American Dream an eine möglichst gute Bildung geknüpft ist.

 

Besonders schwer ist es für Schüler/innen, die erst kurz vor Erreichen des Schulabschlussalters, in der Regel mit 18 Jahren, einwandern. Manche Schulen sind daher dazu übergegangen, diese Schüler/innen auf Spanisch, der Haupteinwanderungssprache, zu beschulen. Dies ist möglich für alle Fächer, in denen die Schule über spanischsprachige Lehrer/innen verfügt, mit Ausnahme von American History, was verpflichtend auf Englisch unterrichtet werden muss. Darüber hinaus dürfen diese Schüler/innen bis zum 21. Lebensjahr an der Schule verweilen, damit sie mehr Zeit haben, den Highschool-Abschluss zu erhalten. Frau Sturhahn empfand es als besonders bemerkenswert, dass die Schulen alle ihnen zur Verfügung stehenden Schlupflöcher des Systems anwendeten, um den Schüler/innen zu einem Abschluss zu verhelfen und ihnen stets vermittelten, dass sie willkommen sind und als Menschen mit individuellen Stärken wertgeschätzt werden. Auch die Kultur des Lobens fiel Frau Sturhahn an amerikanischen Schulen stark auf. Im Gegensatz zu einem eher defizitorientierten Ansatz betonten amerikanische Lehrer/innen stets, was ihre Schüler/innen konnten, und erst nachrangig, wo sie noch Schwierigkeiten hatten. Entsprechend hängen in allen Klassenräumen und Gängen der amerikanischen Schulen Plakate und Schilder zur Motivation der Schüler/innen.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die UCONN bei ihrer Lehrerausbildung, wobei das englische Stichwort „Empowerment“ ist: Lehrer/innen sollen lernen, ihre Schüler/innen zu motivieren und zu bestmöglichen Leistungen zu befähigen. Dies bedeutet beispielsweise, dass ein Schüler mit Migrationshintergrund, der gut Fußball spielen kann, über diese (unakademische) Fähigkeit in das Schulleben integriert wird und ausgehend von diesem Erfolgserlebnis motiviert wird, akademische Fächer mit Ehrgeiz zu verfolgen, um in Zukunft möglichst Zugang zu Führungspositionen in der Gesellschaft zu erlangen. In diesem Zusammenhang legt die UCONN viel Wert darauf, dass sich besonders Student/innen mit Migrationshintergrund zu Lehrer/innen ausbilden lassen, um den Schüler/innen als Vorbild zu dienen und zu vermitteln, dass Migrant/innen Zugang zu allen beruflichen Positionen haben. Besonders interessant fand Frau Sturhahn, dass die UCONN über einen Lehrstuhl für Menschenrechtserziehung verfügt, die in die Lehrerausbildung integriert sein soll. Angeschlossen an diesen Lehrstuhl ist ein Archiv in dem die Gruppe der deutschen Lehrerinnen beispielsweise Originaldokumente der „Nürnberger Prozesse“ und Nazi-Schulbücher mit Hetz-Propaganda einsehen konnte, die dort aufbewahrt werden, um dem Vergessen entgegenzuwirken. Entsprechend hatten sowohl die deutschen Lehrerinnen als auch die amerikanischen Lehramtsstudent/innen in einem Seminar Gelegenheit, dem Bericht einer Holocaust-Überlebenden aus Hannover zuzuhören und ihr anschließend Fragen zu stellen. Frau Sturhahn fand den persönlichen Zugang zu dem Thema „Nationalsozialistisches Terror-Regime“ über das Gespräch mit einer Zeitzeugin besonders beeindruckend und nachhaltig.

Insgesamt begeisterte Frau Sturhahn, wie offen, ideenreich und positiv eingestellt amerikanische Schulen und Universitäten mit den Themen „Migration und Bildung“ umgehen und sie fand, dass alle Erkenntnisse, die ihr in den USA ermöglicht worden sind, die ideale Fortsetzung ihres Aufbaustudiums der „Interkulturellen Pädagogik“ an der Uni Bielefeld sind. Sie bedankt sich ganz herzlich bei der Fulbright-Kommission, dass ihr diese einmalige Erfahrung ermöglicht worden ist.

 

 

Anja Sturhahn